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NRW rechtsaußen

Alemannia Aachen und die "Alten Kameraden"

Aachen. Die Interessengemeinschaft der Alemannia Fans und Fan-Clubs, kurz: Fan-IG, hat der Fangruppe „Alte Kameraden“ eine Feier im Haus der Alemannia-Fans an der Liebigstraße verwehrt. Grund dafür ist, dass die selbst nicht rechtsextremistische Fangruppierung „Alte Kameraden“ zu einer im Werner-Fuchs-Haus geplanten Geburtstagsfeier Mitte Juli auch Neonazis einladen wollte. Erstmals in der Geschichte des Fanhauses und der Fan-IG hat man so offenbar einer Fangruppe untersagt, in dem üblicherweise allen Fans offen stehenden Gebäude eine Feier abzuhalten. 

Die Fan-IG betreut besagtes Fanhaus im Namen des Fußballvereins Alemannia Aachen. Sowohl IG als auch Verein haben sich nach rechtsextremen Vorfällen im Vereinsumfeld und Angriffen rechtslastiger Fans auf als links geltende Fußballanhänger gegen Rechtsextremismus positioniert. Ohne die „Alten Kameraden“ beim Namen zu nennen, teilte die Fan-IG zu deren Anfrage in einer Stellungnahme nun mit: 

Wir mussten erfahren, dass zu diesem Termin gezielt Personen aus der deutschen Hooliganszene und vor allem aus der rechtsextremen Szene eingeladen werden sollten, zum Beispiel Mitglieder der Kameradschaft Aachener Land (KAL). Als Gast eingeladen war auch der bundesweit bekannte NPD-Aktivist Sascha Wagner. Auf Rücksprache durch den IG-Vorstand bestätigten dies die Initiatoren der Veranstaltung. Wir haben eindringlich gebeten, auf die Einladung Sascha Wagners und rechtsextremer Kreise zu verzichten. Zwar zeigte man Bereitschaft, die KAL-Mitglieder außen vor zu lassen. Doch ausdrücklich bestand man auf der Einladung Sascha Wagners. 

Daraufhin sah sich der IG-Vorstand erstmals gezwungen, einem Interessenten die Nutzung des Werner-Fuchs-Hauses zu verweigern. Im Sinne der Aachener Fanszene und des gesamten Vereins wollen wir extremistischen, offen rassistischen und gewaltverherrlichenden Personen und Gruppierungen nicht erlauben, die Alemannia als Plattform zu benutzen. Wir können nicht einerseits immer wieder eindeutig Stellung gegen Rassismus und Gewalt beziehen und andererseits entsprechenden Kreisen die Tür öffnen.“ 

Öffentlich gemacht hat die Fan-IG jene Absage erst infolge „unerträgliche[r] Hetze im Internet gegen uns“. Verwiesen wird darauf, dass die Absage übereinstimme mit der IG-Satzung und mit jener des Fußballklubs. Die Alemannia selbst äußerte sich ebenso zu dem Vorfall und teilte mit, dass das Fanhaus zwar grundsätzlich allen Alemannia-Fans offen stehe. „Rassismus und Extremismus sind jedoch unerwünscht. Wenn zu einer Veranstaltung Personen aus dem rechtsextremen Umfeld eingeladen werden, kann die Nutzung des Fanhauses entsprechend untersagt werden. [...] Wir fordern [...] alle Fangruppen zu einer klaren Distanzierung von Rassismus, Antisemitismus und Extremismus auf.“ Insbesondere, so der Verein, jene Gruppen, die im Februar 2012 eine gemeinsame Erklärung von Verein und Fanklubs gegen Rechtsextremismus unterzeichnet hatten. 

Auch die „Alten Kameraden“ haben besagte Erklärung gegen Rechtsextremismus unterzeichnet. Die kleine Fangruppe mit überwiegend älteren Anhängern gilt selbst nicht als rechtsextrem. Die Gruppierung fiel jedoch mehrfach auf, weil sie Fahnen, T-Shirts und Banner nutzte, auf denen neben dem Alemannia-Logo auch Reichsadler zu sehen waren. Die Nutzung des nicht strafrechtlich relevanten NS-ähnlichen Symbols führte immer wieder zu Diskussionen im Fanlager. Auch T-Shirts der „Alten Kameraden“ respektive ähnliche Shirts, die Dritte produzierten und an Fußballfans verkauften, sorgten zeitweise für Irritationen. 

So war für eine Erstauflage solcher T-Shirts als Motiv der NS-Reichsadler genutzt worden, der in der abgebildeten Form in seinen Klauen einen Lorbeerkranz beziehungsweise Ring trug, doch anstelle des Hakenkreuzes prangten die in Frakturschrift gehaltenen Buchstaben AC in dem Kreis. In späteren Auflagen der T-Shirts wurde der Adler in seiner Form abgewandelt. In dem Kreis war zudem nur noch der Großbuchstabe A zu sehen, darunter stand in Frakturschrift „Aachen“. Obschon die Produzenten jener Shirts nichts mit der rechtsextremen Szene zu tun haben, fielen vereinzelt Neonazis bei Aufmärschen auf, weil sie Exemplare der T-Shirts trugen. 

Zuletzt hatte es zum Jahreswechsel 2011/2012 heftigen Streit und Diskussionen um die Personalie Sascha Wagner gegeben. Wagner ist eine der umtriebigsten und unterdessen umstrittensten Personen aus dem Fanlager der Alemannia. Schon Ende der 1980er Jahre wurde er als Fan und Hooligan aktiv, später machte er in der NPD und deren Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ (JN) Karriere. Wagner veranstaltete seit den 1990er Jahren auch in verschiedenen Regionen Deutschlands Rechtsrock-Konzerte, galt als Reise- und „Schulungskader“ seiner Partei und gehört zu den führenden Personen der NPD in Rheinland-Pfalz, wo er heute lebt. 

Wagner unterhält jedoch weiter enge Kontakte in die Aachener Fanszene. Dies führte wiederholt zu Diskussionen auf Vereins- und Fanebene. Nachdem rechtslastige Fans und Hooligans die als links geltenden „Aachen Ultras“ (ACU) am 11. Dezember 2011 während des Heimspieles gegen den FC Erzgebirge Aue auf dem Tivoli angegriffen hatten, versuchte Wagner die Diskussion in seinem Sinne mitzuprägen. Er kommentierte etwa bei Facebook zu einem ähnlichen Vorfall, die „Zeckenultras“ seien „in die Schranken verwiesen“ worden. Später schwadronierte er im Nazijargon von den „linksfaschistischen ACU“. In dem Disput galt Wagner selbst unter ihm wohl gesonnenen Fans als Autor eines Briefes an die Geschäftsführung von Alemannia Aachen, in der er jedoch nur in dritter Person als Kultfigur umschrieben wird, die die Fans „bis zum heutigen Tag noch nie in irgendeiner Form versucht [hat] zu politisieren.“ 

In dem Schreiben wird aber deutlich, dass Wagner – der Fans im Web dazu aufrief, das Schreiben selbst an die Vereinsspitze zu senden, um „das Pack in den Wahnsinn“ zu treiben – eben nicht unpolitisch agiert: Besonders ACU und eine für ihn linksradikale Sozialarbeiterin des Aachener Fanprojektes hätten die „neuerliche Eskalation“ vorangetrieben. Zum Kampf gegen Rechts der Alemannia fiel dem Autor des Briefes eine geschichtsrevisionistische und rechtsextreme Polemik ein, wonach man rechten Fans künftig ähnlich wie in Nazideutschland den Juden einen „schwarz-gelbe[n] Stern“ anhaften werde, auf dem dann „Nazi“ stehe. 

Auch in seinem aktuellen Kampf gegen Vereinsspitze und Fan-IG sind Wagner und dessen Umfeld wieder aktiv. Bei Facebook pöbelte etwa der Neonazi Christian Hehl, ein enger „Kamerad“ Wagners aus Süddeutschland, gegen die Fan-IG: deren Vertreter seien gleichzusetzen mit „demokratisch getarnten Faschisten“. Der einschlägig wegen Gewalttaten vorbestrafte und schon inhaftiert gewesene Neonazi Daniel H. aus Alsdorf pöbelt derweil: „gebt den Linken keine Plattform Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik [...] ihr linken Pimmel“. Daniel H. war einst im Umfeld der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und der Hooliganszene aktiv und ist heute Mitglied der „Kameradschaft Alsdorf-Eupen“ (KAE). 

Wagner selbst kommentiert den neuen, seine eigene Person betreffenden Disput bei Facebook so: „Die wollen keine Politik aus dem Stadion raus haben! Die wollen Ihre Politik umsetzen. Ich habe immer davor gewarnt. Und jeder der kritisch der Ausländerpolitik der Brd, dem Euro, der EU, Multi-Kulti etc. gegenüber steht ist für die ein ‚Rechter’, gleich Nazi - gleich Verbrecher! Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Zum Glück weiß ich, wer in der Fanszene in Aachen die Faschisten sind.“ Wohlgemerkt: Wagner ist einflussreicher NPD-Kader und erst kürzlich hat ihn der Kreistag Südwestpfalz aus dem Kreisrechtsausschuss abberufen. Grund: er sei NPD-Mitglied mit verfassungsfeindlichen Zielen. 

Zumindest Teile der „Alten Kameraden“ bleiben indes dabei: Nicht sie, wohl aber die Fan-IG handele problematisch. So schreibt ein Kopf der Gruppe, man habe „nur Leute aus unserem Freundeskreis Eingeladen das darunter auch viele Alt Hools sind dürfte wohl jedem klar [sein,] da wir nie ein Hehl aus unsere Vergangenheit gemacht haben Sascha Wagner gehört zur unserer Vergangenheit dazu und wir werden einen Scheißdreck tuen unsere Freunde zu Verleugnen die Ig stellt uns nun in ein Licht in dem wir nicht hingehören wir wollten nur mit unseren Freunden feiern“. Und man habe „mit Poltik nichts am Hut“. Doch schon Mitte Dezember hatte derselbe „Alte Kamerad“ Wagners teilweise mit Nazipropaganda gespickten Brief an die Vereinspitze von Alemannia Aachen via Facebook kommentiert als „ehrliche Worte“.  

Michael Klarmann 

Alle Zitate wurden in Originalrechtschreibung übernommen.