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Die alte "Neue" Rechte

 27. März 2017: Die „Identitäre Bewegung NRW“ veröffentlicht ein Video. Robert und Karl von der Ortsgruppe Aachen äußern sich darin über Auseinandersetzungen mit Antifaschisten am 12. März im Frankenberger Viertel. Grundlos, heißt es, seien sie von ihren Gegnern dabei als „Scheiß Nazis“ beschimpft worden. Rückblick, 7. April 2012: Rund 260 Neonazis demonstrieren am Ostersamstag in Stolberg, in dem überwiegend von militanten Rechtsextremisten gebildeten und in Viererreihen angetretenen „Frontblock“ marschieren mit: Robert und Karl.


 

Seit einigen Monaten soll es eine Ortsgruppe Aachen der „Identitären Bewegung“ (IB) geben. Im November will die Gruppe am Volkstrauertag auf dem „Ehrenfriedhof Hürtgenwald“ im Kreis Düren den „Gefallenen und Opfern der vergangenen Kriege“ respektive „unsere[r] Tote[n]“ gedacht haben. Man legte einen Kranz nieder. Bis vor Jahren war diese Zeremonie eine, die die unterdessen verbotene „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) dort nach konspirativer Vorbereitung immer wieder abhielt. Die KAL nannten das im Sinne der NSDAP „Heldengedenken“, bei der IB nutzt man solche Begrifflichkeit nicht mehr.

Zwischen Tarnstrategie und medialer Selbstvermarktung

Seitdem werden in Aachen und der Region sporadisch wieder neue Aufkleber der IB verklebt. Zudem wollen IB-Aktivisten Anfang des Jahres in verschiedenen Ecken der Kaiserstadt, darunter wohl auch im Ost- und Frankenberger Viertel Flugblätter verteilt haben. Anfang März kündigte die IB einen „Stammtisch“ an, Interessierte mussten den genauen Ort per Mail erfragen. Man traf sich schon im Februar zum propagandistischen Fotoshooting im kleinen Kreis auf dem Lousberg und am 12. März wollten dann Robert, Karl und ein Aktivist namens Paul ein Banner an der Burg Frankenberg aufhängen. Darauf zu lesen: „Grenzen schützen – Leben retten.“ Offenbar ein Hinweis darauf, dass offene Landesgrenzen eine Zuwanderung begünstigt, die die IB nicht gut heißt. Merke: den rhetorisch plumpen Ausländer-raus!-Knüppel zu schwingen ist nicht mehr en vogue, der neurechte Fremdenfeind light beschreibt seine Ansichten lieber auf Samtpfoten.

Die völkisch-nationalistische und rechtsextreme IB, die sich an antidemokratische Vordenker und Protagonisten der „Konservativen Revolution“ orientiert, versucht zwar immer wieder, als nicht extremistisch und schon gar nicht neonazistisch zu erscheinen. Statt dessen wollen die Aktivisten jugendlich cool wirken, zuweilen an die netten Hipster von nebenan erinnern. Doch die selbst ernannte Bewegung ist hierarchisch strukturiert, ihre Auftreten werten Beobachter als Tarnstrategie und so verfolgt die IB denn auch eine nach allen Regeln der Selbstvermarktung ausgeklügelte Medienstrategie. Die Aachener Gruppe der IB ist offenbar stark von Personen geprägt, die sehr lange in der militanten Neonazi-Szene aktiv waren.

In dem Video von Montag wollen die Brüder Robert und Karl eigentlich nur ihre Sicht schildern über einen Angriff von Antifaschisten im Frankenberger Viertel an besagtem Sonntag. Sie veröffentlichten dazu im Internet auch Videosequenzen von den Auseinandersetzungen. Angeblich wird gegen die sie angreifenden Antifaschisten wegen „bewaffneten, versuchten Raubüberfalls“ ermittelt, weil man nicht nur geschlagen und getreten sowie mit Reizgas besprüht worden sei, sondern die Gegner zudem versucht hätten die Kamera-Ausrüstung zu stehlen. Außerdem feixt Robert darüber, dass die Antifaschisten sie „Nazis“ genannt hätten, das allerdings wohl nur, weil diese die IB reflexartig und grundlos als solche beschimpfen würden oder jeder, der Parolen wie „Grenzen schützen – Leben retten“ nutze, ungerechtfertigter Weise heutzutage als Neonazi eingestuft werde.

Coole braune Familienbande und -tradition

Hierbei gibt es einen Schönheitsfehler: beide Brüder waren lange Jahre tatsächlich in der militanten Neonazi-Szene und im Umfeld der „Autonomen Nationalisten“ im Rheinland aktiv und nahmen an Aufmärschen teil. Ihr älterer Bruder, der ebenso im Raum Aachen lebt, ist heute Gastsänger für den neonazistischen HipHopper „Makss Damage“, zudem firmiert er unter anderem selbst als Musiker unter dem Label „Nordic Walker“. Der Vater der Brüder war über Jahrzehnte einer der wichtigsten Protagonisten der braunen Szene in NRW, die Mutter hat eine ähnlich lange Vita in der rechtsextremen Szene und engagierte sich in den letzten Jahren in Hessen und Ostdeutschland unter anderem in den neonazistischen Miniparteien „Die Rechte“ sowie „Der III. Weg“.

Robert, Karl und ihr älterer Bruder standen in der neonazistischen Szene schon früh dafür, musikalisch oder optisch neue Wege zu gehen, die auf Jugendliche hip und cool wirken sollten. Mal erschien einer der Brüder 2009 bei den Aufmärschen in Stolberg gekleidet wie ein HipHopper, mal im Outfit eines Sprayers oder Skaters oder 2011 bei einem Aufmarsch sogar mal mit einen Irokesenhaarschnitt. Das wohl erste neonazistische HipHop- und Rap-Projekt in Deutschland namens „N-Soundz“ soll aus jenem Kreis stammen, zumindest fand man Mitte der 2000er Jahre für die Homepage des Musikprojektes als Verantwortlichen Karls Namen und seine damalige Adresse aus dem Neusser Umland im Internet. Robert soll zeitweise NRW verlassen und in Niedersachsen Kontakte zur IB aufgenommen haben. Mit seinem an der Hipster-Optik angelehnten Schnauz- und Kinnbart, dank moderner Seitenscheitelfrisur und Schiebermütze erinnert er optisch heute nicht mehr an einen Neonazi.

16. März 2013. Gegen Mittag beginnt auf dem Vorplatz am Theater in Aachen für rund 100 Neonazis eine „Kundgebungstour“, die sie später noch nach Mönchengladbach und Düsseldorf führen wird. Organisiert hat die Busreise die neonazistische Partei „Die Rechte“ (DR). Es sind überwiegend militante Neonazis verbotener „Kameradschaften“ vor Ort, die zum Teil an jenem Samstag auch Mitglieder der DR sind. Die Neonazis, eine Reihe davon einschlägig schon wegen Meinungs- und Gewaltdelikten mit der Justiz in Konflikt geraten oder vorbestraft, fühlen sich als zu Unrecht „Verfolgte“.

Keine Drohungen, nur Versprechen…

Es wehen Schwarz-Weiß-Rote-Fahnen, die Farben des Deutschen Reiches. Karl hält zeitweise eine jener Fahnen, sein Bruder Robert und er wechseln sich ab beim Halten eines Transparentes. Der dritte, ältere Bruder macht sich mit anderen Neonazis über Gegendemonstranten lustig. Ganz am Ende erinnert einer der Redner unverhohlen Polizei und Justiz daran, sie unterstünden der jeweiligen Regierung und sollten sich vorsehen, falls es wieder zu einem Machtwechsel komme und die „Kameraden“ dann am Ruder seien. „Das ist keine Drohung, das ist ein Versprechen!“ schallt es über den Theaterplatz. Mit zwei Reisebussen und dem Lautsprecherwagen aus Dortmund fahren alle dann weiter, um in Mönchengladbach vor dem Hauptbahnhof erneut aufzumarschieren. Aus dem Bus ebendort steigen auch aus: Robert und Karl.

15. September 2013: Rund 25 Neonazis halten am Kugelbrunnen in Aachen eine als Wahlkampfkundgebung deklarierte Versammlung der neonazistischen Minipartei „Die Rechte“ (DR) ab. Motto: „Freiheit für alle politischen Gefangenen“. Robert hält zu Beginn mit anderen Neonazis ein Transparent hoch, auf dem diese Losung steht. Zudem befindet sich auf dem Laken eine rotes Quadrat, welches einen weißen Kreis enthält, doch es ist kein Hakenkreuz sondern eine schwarze, wehende Flagge in dem Kreis zu sehen. So spielen Neonazis mit Symbolen, deuten das an, was sie aus strafrechtlichen Gründen nicht zeigen dürfen.

Später halten andere „Kameraden“ jenes Banner. Robert steht neben dem Lautsprecherwagen, hinter einem der Redner. Baseballkappe, ein Polo-Shirt mit grau-blauen Rauten, Cargoshorts, weiße Socken und Sportschuhe mit leuchtend grünen Streifen. Er sieht damals schon anders, irgendwie cooler und dynamischer aus, als die meisten seiner „Kameraden“. Einer der Redner droht derweil Politikern demokratischer Parteien indirekt mit dem Tode.

Diese Vertreter eines „volksfeindlichen Systems“ sollten künftig „Konsequenzen mit Leib und Leben ziehen“, erläutert der junge DR-Funktionär am Mikrophon. Es sei also vorausschauend, wenn diese Politiker im laufenden Wahlkampf unter anderem an Laternen hingen, „auch wenn es bisher nur mit Plakaten getan wird“, ergänzt er. Dereinst aber werde sich das „Volk“ erheben. Und dann wohl keine Plakate mehr an Laternen aufhängen, deutete der Redner das Lynchen der Demokraten an. Robert steht hinter ihm. (mik)