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Verschwörungsideologien: „Wir erleben eine digitale Revolution“

Wir sprachen mit Andreas Düspohl, Leiter des Internationalen Zeitungsmuseums Aachen (IZM), über Verschwörungsideologien im Zeitalter des digitalen Wandels, die rechte Polemik gegen die „Lügenpresse“ und die Auswirkungen der neuen sozialen Medien auf die politische Kultur.

Nicht nur auf den Demonstrationen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) ertönt der Schmähruf „Lügenpresse“. In der gesamten Bundesrepublik agitiert die deutsche Rechte gegen die „Volksverräter“ in Politik und Medien. In den neuen sozialen Medien blühen zudem immer neue Verschwörungstheorien auf. Das Internationale Zeitungsmuseum Aachen (IZM) reagiert auf diese Entwicklungen mit Themenführungen und medienpraktischen Unterrichtseinheiten an Schulen. Für die „Partnerschaft für Demokratie Aachen“ erläutert der Historiker Andreas Düspohl, wie das IZM zum Ort aktueller politischer Debatten wird.

Herr Düspohl, der Begriff „Lügenpresse“ wurde 2015 zum „Unwort des Jahres“ gewählt. Die Kritiker der Leitmedien bringen im Internet zudem zahllosen Konspirations- und Manipulationsvorwürfe in Umlauf. Warum sind gerade Verschwörungsideologien ein besonderes Thema für Sie?

Weil durch die Abkehr vom klassischen Zeitungsformat diese Ideologien im Internet eine bemerkenswerte Verbreitung finden – übrigens weitaus mehr als früher. Durch die sozialen Medien befeuert, denken eine Menge Menschen, besser informiert zu sein als die Öffentlichkeit. Verschwörungstheorien sind deshalb auf dem Vormarsch. Die "Lügenpresse" oder "Systempresse" wird von "denen da oben" instrumentalisiert, um das Volk dumm zu halten – so in lautet knapp formuliert der Diskurs. Es zeigt sich zudem, dass Anhänger einer bestimmten Verschwörungstheorie sehr viel eher auch weiteren Verschwörungstheorien anheim fallen. Offenbar gibt es eine Art von Schwelle, die, einmal überschritten, zu immer größerer Leichtgläubigkeit führt. Und eben auch zu mehr Hetze im Netz. Hier scheinen mir, gerade mit Blick auf das Problem der Anonymität, die Forderungen nach einem Digitalgesetz mit Klarnamen-Zwang plausibel.

Grundsätzlich fällt auf, dass Medien häufig in emotionaler Weise rezipiert werden. Gut ist, was mein Weltbild stützt, alles andere muss zweifelsfrei erlogen sein. Da trifft es sich bestens, wenn man ganz einfach behaupten kann: die Medien – außer meinen eigenen Quellen natürlich – sind samt und sonders manipuliert, um das "Volk" an der Nase herum zu führen. Die Existenz von finsteren Mächten muss hier nicht umständlich herbei argumentiert werden: Es ist die Regierung, die alle Nachrichten nach ihrem Gusto frisiert. So einfach ist das. Aber natürlich auch so dumm. Dass sich dahinter eine sehr fragwürdige Demokratievorstellung verbirgt, ist das Eine, dass dieser Pauschalverdacht aber sämtliche Politik und mithin sämtliche Probleme auf das Simpelste erklärbar macht, ist der andere, weitaus gefährlichere Aspekt. Wenn alles, was Establishment ist, im Unrecht ist und Politik so einfach, dann ist es kein Wunder, dass der Populismus zurzeit auf so fruchtbaren Boden fällt. Im Übrigen lässt sich neben den oben genannten Beispielen Bundesrepublik und USA noch eine ganze Reihe weiterer Beispiele in den unterschiedlichsten Ländern finden, denken Sie nur an die Türkei oder Russland, Italien oder Ungarn, an Polen oder...

Wie ordnen Sie als Historiker diesen Prozess ein?

In der Geschichte der Menschheit gab es drei große Medienrevolutionen, die das Leben und die Lebensumstände der Menschen nachhaltig umkrempelten. Die Erfindung der Schrift sorgte für einen sprunghaften Anstieg von Wissenschaft und dem Bau und der Unterhaltung von Städten und komplexen Großreichen. Die Erfindung des Buchdruckes sorgte für eine explosionsartige Vermehrung von Schriftgut und dadurch auch von Informationen. Die Reformation und die Aufklärung wären ohne Gutenbergs Erfindung nicht möglich gewesen.

Die Digitalisierung schließlich ist die mit Abstand gewaltigste Umwälzung des menschlichen Lebens seit Menschengedenken. In einer sehr kurzen Zeit wurden immer mehr Bereiche des Lebens digitalisiert und durch digitale Medien bestimmt. Das führt zu enormen Veränderungen in allen Lebensbereichen. Vor allem der Umgang und die Verarbeitung von Informationen, die in nie auch nur annähernd vermutetem Umfang sich verbreiten, sind zu einem Problem geworden, dass sich auf verschiedenen Ebenen bemerkbar macht. Der gesellschaftliche Diskurs verändert sich. Durch sog. "soziale Medien" sind Informationen leicht zugänglich. Sie werden jedoch – und das ist der entscheidende Punkt – von den sozialen Netzwerken ausgewählt und distribuiert. Der Leser wird zum "Kunden". Und dieser wird in eine Wohlfühlwelt entführt und nur noch mit Informationen versorgt, die ihm genehm sind, oder von denen das soziale Netzwerk annimmt, sie seien genehm. Auf diese Weise entstehen Filterblasen und die Nutzer mit gleichen Ansichten tummeln sich in Tümpeln mit Gleichgesinnten. Und das ohne jemals auf konträre Meinungen oder gar Weltanschauungen zu stoßen. Die Wahrnehmung der Welt ist in einer Weise subjektiviert, dass Widerspruch absurd erscheint.

Welche Rolle spielen hier die neuen sozialen Medien, Twitter beispielsweise?

Die Form beeinflusst den politischen Diskurs immens. Grundsätzlich gilt: Elektronische Kommunikation ist kurz und prägnant. Twitterbotschaften haben derzeit eine festgelegte Zeichenanzahl von 140 Zeichen. Damit lassen sich kurze Nachrichten und Botschaften absenden, Abhandlungen nicht. Politiker – und Stars und Sportler und, und, und... – nutzen diesen Dienst gerne, um schnell und ohne großen Aufwand Botschaften mit enormer Reichweite zu platzieren. Denken Sie nur an die Strategie von Donald Trump! Aufgrund der limitierten Zeichenzahl sind argumentative Diskurse eher nicht zu erwarten. Emotionalisieren statt Erläutern und Darlegen heißt hier die Devise. In diesem Zusammenhang wird ja auch von einem postfaktischen Zeitalter geredet, dessen Losung „Facts don´t work“ lautet. Kurz und gut: Hier wird einer Emotionalisierung der Politik Vorschub geleistet.

Der Populismus ist zu einer leichten und offenbar fruchtbaren Waffe im politischen Diskurs geworden. Nicht nur die Parolen von Pegida und AfD sind in diesem Zusammenhang zu nennen, sondern vor allem auch der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf zwischen Hillary Clinton und eben Donald Trump. Es ist kein Zufall, dass ein Egomane und Narzisst wie Trump seine Hauptbotschaften via Twitter in die Welt schickt. Der Erfolg seiner Strategie ist ja mittlerweile bekannt. "The medium is the message", wie der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan zeitlos gültig definierte.

Die nächste Stufe ist der Einsatz von Bots in den Sozialen Medien. Bots sind automatisierte Programme, die beliebig Likes und Kommentare generieren können. Diese Bots ermöglichen kaufbare Verzerrungen in jedem erdenklichen Diskurs. In Zukunft wird beispielsweise der Wahlkampf immer stärker über Bots entschieden werden. So wie gerade in den USA, wenn dieser Entwicklung nicht Einhalt geboten wird.

Nun widmen Sie sich dem Thema ja nicht nur wissenschaftlich, sondern auch ganz praktisch – beispielsweise mit Führungen in Ihrem Haus oder Diskussionsrunden an Schulen. Welche Arbeit leistet das IZM hier konkret?

Das IZM sieht sich als Institution, die Aufklärung betreibt. Wichtigstes Instrument ist die Dauerausstellung, die Medienkompetenz vermittelt. Die Wirkweisen der Medien und des Informationsflusses aufzuzeigen, ist wichtiger denn je. Vor allem Schüler werden sensibilisiert, ihre sozialen Medien und die immer mehr um sich greifende Bildberichterstattung (instagram, snapchat, what´s app ...) kritisch zu hinterfragen.

Anlässlich der aktuellen Entwicklungen werden spezielle Themenführungen zu Verschwörungstheorien angeboten. Eine Kooperation mit dem Aachener Zeitungsverlag ist gerade entstanden. Redakteure und Museumsleute besuchen Schulen und klären auf größeren Veranstaltungen über den Lügenpressediskurs auf. Vor allem die Diskussion mit den Schülern ist hier wichtig.

Zunächst werden die Schüler mit kurzen Eingangsvorträgen gebrieft. Als Erstes erfolgt ein Überblick über die Themenbereiche Zensur und Pressefreiheit. Danach liefert ein Redakteur praktische Beispiele für die journalistische Arbeit. Als letzer Vortrag erfolgt dann eine Einführung in die Möglichkeiten der Bildmanipulation. Die Schüler sind auf diese Weise wachsam geworden und die Diskussion kommt recht zügig in Gang. Die Beteiligung ist erstaunlich rege. Die Schüler sind – und das ist wichtig – keine Amateure in Sachen Medien. Sie selbst nutzen vor allem soziale Medien sehr häufig und kennen die Bedeutung von Bildern und führen Beispiele über Fakes und Falschmeldungen an.

Nun berichten Lehrerinnen und Lehrer immer wieder über das Desinteresse an politischen Debatten, zumal an jenen, die in den klassischen Zeitungen geführt werden. Stattdessen würde der kritiklose Umgang mit den neuen sozialen Medien dominieren, die jungen Leute beziehen nach dieser Beobachtung ihr Weltbild aus der Facebook-Zeitleiste. Können Sie diesen Eindruck bestätigen?

In unserem Fall gilt bislang das Gegenteil. Ich war erstaunt, wie differenziert die Schüler mit dem Thema Social Media umgehen. Meistens sind sie auf den unterschiedlichen Portalen vornehmlich aus Unterhaltungsgründen unterwegs. Für die wichtigen Themen wird nicht auf Instagram ("Insta") oder Snapchat zurückgegriffen, sondern auf – so der O-Ton eines Schülers – "seriöse Medien". Viele Schüler berichteten, sie würden regelmäßig die Webportale von Zeitungen und anderen Medien aufsuchen. So bekannte sich bei einer Veranstaltung am Rhein-Maas Gymnasium in Aachen von 120 Schülern über die Hälfte als regelmäßige Konsumenten von Nachrichtenportalen. Genannt wurden am häufigsten: Spiegel Online, Süddeutsche.de, Tagesschau.de, die Onlineauftritte der Aachener Nachrichten und Aachener Zeitung sowie Bild.de. Etwa ein Drittel der Schüler bekannten sich zudem als mehr oder weniger regelmäßige Leser von gedruckten Zeitungen.

Wie fällt ihr vorläufiges Fazit hinsichtlich der bisherigen Erfahrungen mit Ihrer medienpädagogischen Arbeit an Schulen aus?

Das Ziel dieser Workshops, Medienkompetenz zu erzeugen, stieß hier auf sehr fruchtbaren Boden. Da noch eine ganze Anzahl weiterer Schulen und Schulformen besucht werden, ist die Frage, ob überall ein so hohes Vorwissen und eine solche Medienaffinität herrschen. Der Versuch lohnt sich aber meines Erachtens. Das Publikum soll den Populismus durchschauen und die Arbeit von Journalisten in gut und schlecht gemacht, seriös oder unseriös recherchiert differenzieren können. Das ist eine sehr wichtige Bildungsaufgabe – und das IZM bietet dafür das Potenzial.

Stellt sich zum Schluss noch die Frage, welche Zielgruppe Sie vor Augen haben – an eingefleischten Verschwörungsideologen beißt sich die politische Bildung doch die Zähne aus...

Sicher. Aber Schüler sind für praktische medienkritische Arbeit noch sehr zugänglich. Und was Ihren letzten Punkt betrifft: Mit den harten Ideologen der Pegida wäre eine solche Auseinandersetzung nicht möglich. Man würde nur als "einer von denen", als Vertreter der Systempresse hingestellt werden. Aber gerade weil so vehement gegen die „Lügenpresse“ agitiert wird und Verschwörungstheorien durch das Internet geistern, leisten wir ja – im konkreten Fall zusammen mit dem Aachener Zeitungsverlag – unsere Aufklärungsarbeit. Medienpädagogik ist insofern ein zentraler Teil der politischen Bildung in unserer Region. Das IZM ist eben nicht nur ein Museum, sondern widmet sich mit Blick auf den rasanten Wandel der Medienwelt den Herausforderungen der Gegenwart.

Das Interview führte Richard Gebhardt