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Rassistischer Aufmarsch in Linnich: Schulterschluss rechtsaußen

Linnich (Kreis Düren)/Region. Rund 150, zeitweise bis zu 200 Rechtsextremisten, Hooligans und zu einem geringen Teil auch Anwohner sind am Sonntag in der Kleinstadt Linnich gegen die „Asyl-Invasion“ aufmarschiert. 

Angemeldet worden war die Aktion von Willi M. aus Linnich, unterstützt wurde der bisher nicht öffentlich als Rechtsextremist aufgefallenen Mann im Organisationsteam vom Chef des NPD-Kreisverbandes Mönchengladbach, Christian Remberg (Erkelenz, Kreis Heinsberg) sowie „Ricky Keule“ (Kreis Düren). Letztgenannter ist ein rechtsgerichteter Hooligan, der zuweilen im Marketing, Verkauf und der Tourbegleitung der Bremer Hooligan-Band „Kategorie C“ (KC) arbeitet. 

Zu Beginn hatte das Trio, das auch mit einem Facebook-Profil unter dem Label „Bürger stehen auf“ zu dem Aufmarsch mobilisierte, versucht, den rechtsextremen Charakter der Veranstaltung aus taktischen Gründen zu verheimlichen. Nachdem Journalisten jedoch darauf hinwiesen, dass hier ein Neonazi-Aufmarsch bevorsteht, traten auch die Organisatoren, deren Unterstützer und anlässlich des Aufmarsches auch lokale Parteiverbände und rechtsextreme Gruppen immer offener mit deutlich rechtsextremer und fremdenfeindlicher Propaganda auf. 

Rechtsextremisten, darunter zahlreiche Neonazis, prägten das Bild der Demonstration. Foto: Dominik Clemens

Letztlich kam es am 8. November in der zwischen Düren und Mönchengladbach gelegenen Kleinstadt zum Schulterschluss zwischen verschiedenen rechten Spektren aus dem Rheinland sowie rechtsaffinen Fußballfans, Jugendlichen und Bürgern. Unter den Teilnehmern des Aufmarsches waren ehemalige Mitglieder der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL), heute in der neonazistischen Kleinstpartei „Die Rechte“ (DR) organisiert. Zudem waren Vertreter aus dem Spektrum der „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) vor Ort, aber auch solche von „Pegida NRW“ sowie Vertreter der NPD. Angereist war etwa eine Gruppe um den Stolberger NPD-Ratsherrn Wilibert Kunkelund die „Landesjustiziarin“ der nordrhein-westfälischen NPD, Ariane Meise. 

Auch bei den Rednern kam es zu einer bisher in NRW eher seltenen Kooperation verschiedener rechter Protagonisten. Der angekündigte  NPD-Mann Remberg trat zwar nicht selbst ans Mikrophon, indes fungierte „Ricky Keule“ als eine Art Moderator. Gleich zweimal zum selbst ernannten „Volk“ sprechen durfte Dominik Roeseler, stellvertretender Vorsitzender von „Pro NRW“ und Anmelder verschiedener HoGeSa-Aufmärsche. Der Düsseldorfer Szenenanwalt Dr. Björn Clemens hielt ebenso eine Rede wie Michael Diendorf, ein im Kreis Heinsberg lebender „Pegida“-Anhänger, der bei den wöchentlichen Aufmärschen von „Pegida NRW“ in Duisburg regelmäßig als Redner fungiert. 

Linnich war zum Ziel der rechtsextremen Aktion geworden, weil in der ehemaligen Polizeischule vor Ort eine Asylnotunterkunft eingerichtet wurde. Aus verschiedenen Gründen, etwa Fehlern bei der Betreuung und Belegung der Großunterkunft, kam es zur Jahresmitte in der direkten Nachbarschaft oder anderen Bereichen der Kleinstadt zu Problemen mit Flüchtlingen, berichtet wurde vom Belästigungen gegenüber Frauen und Kindern durch die Asylsuchenden sowie eine gestiegene Kriminalität. 

Bei einer entsprechenden Informationsveranstaltung der Behörden in Linnich war es Ende Juli schon zu Störversuchen durch Neonazis und lauten Wortmeldungen „besorgter Bürger“ gekommen. Die Polizei fand seinerzeit die Lage so angespannt, dass sie hektisch Teile einer Einsatzhundertschaft alarmierte. Obschon sich die Lage vor Ort danach beruhigte, entstammen die Organisatoren des sonntäglichen Aufmarsches aus eben jenem Personenspektrum, dass seinerzeit auf dem Infoabend durch radikale Wortmeldungen auffiel. 

Dieser lokale Anlass für den Protestzug war in den Redebeiträgen und Parolen dann am Sonntag kaum ein Thema. Rechtsanwalt Clemens kritisierte lieber Asylsuchende, den Islam und die Bundesregierung. Bundeskanzlerin Merkel – die Frau, deren Namen sich auf „Ferkel reimt“ – habe „Hochverrat“, also ein „Verbrechen“ begangen. Die Kanzlerin sei überdies die „größte politische Katastrophe des deutschen Volkes seit 1945“. Die Deutschen hätten nicht nur ein grundgesetzlich verbrieftes Widerstandsrecht, sondern eine „Widerstandspflicht“ gegen eine solche „hochverräterische“ Regierung, rief Clemens. 

„Pro NRW“-Kader Roeseler wetterte ebenso gegen die Bundesregierung, man müsse sich erheben und „unser Land zurückholen“, rief der Mönchengladbacher. „Asylschmarotzer“ seien abzuschieben, an die Polizisten appellierte der HoGeSa-Mitwirkende, mit ihnen gegen die Regierung zu „stehen“ als „ein gemeinsames deutsches Volk“. „Pegida“-Mann Diendorf verurteilte die Verbrechen in der Nazizeit. Bei zirka 70 Prozent Rechtsextremisten im Publikum erntete er mit solchen Ausführungen freilich wenig Zustimmung. Applaus erfolgte dann aber für Diendorfs Polemik, die Bundesregierung betreibe angesichts der Zuwanderung durch „illegale“ Asylbewerber eine „Vergewaltigung der deutschen Bürger“. Kanzlerin Merkel handele „kriminell“.

Hunderte demonstrierten in Linnich gegen den rassistischen Aufmarsch. Foto: Dominik Clemens

Insgesamt demonstrierten laut Polizei rund 1.100, laut Veranstalter bis zu 1.500 Menschen am Sonntag gegen den braunen Spuk, unter ihnen auch Bürgermeisterin Marion Schunck-Zenker (SPD) und andere Lokalpolitiker aller demokratischen Parteien. „Pro NRW“-Vize Roeseler beschimpfte diese Gegendemonstranten als „Faschisten“, die „früher als erstes den rechten Arm gehoben hätten“. „Ricky Keule“ kündigte an, das Organisationsteam werde weitere Demonstrationen in der Region – möglicherweise in Jülich - abhalten. (mik)