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Linnich: Neonazis blieben unter sich

Linnich/Region Aachen. Über 200 Menschen haben gestern in Linnich (Kreis Düren) gegen Rechtsextremismus und für eine „bunte“, demokratische und tolerante Gesellschaft demonstriert. Anlass dafür war ein Aufmarsch von rund 60 Rechtsextremisten und Hooligans. Sie mussten teilweise durch Straßen ziehen, die mit bunten Parolen, Plakaten und Luftballons gegen Rechtsextremismus geschmückt waren. An manchen Häusern blieben die Rollladen als Zeichen gegen den braunen Umzug geschlossen.

Anders als bei dem ersten Aufmarsch im November der durch die NPD und Hooligans initiierten „Bürger stehen auf“ fiel die Demonstration weitaus kleiner aus. Erwartet hatten die Rechten laut Polizei 150 Teilnehmer, beworben hatten sie ihren Protest mit hochwertigen Flyern, die sie im Ort und sogar bei einer Schützenfeier verteilten und auslegten. Doch anders als Ende 2015 gelang es den rechtsextremen Initiatoren diesmal nicht, nennenswert Bürger aus der Kleinstadt und den umliegenden Orten zu mobilisieren. Das Gros der Teilnehmer war eine Mischung aus NPD-Vertretern, rechten Hooligans und Neonazis aus dem militanten Spektrum. Die Redebeiträge waren von Rassismus, Hetze gegen Asylbewerber und Migranten sowie braunen Umsturzplänen geprägt.

Am Sonntag gehörten die NPD-Politikerinnen Ricarda Riefling (Rheinland-Pfalz) und Jacky Süßdorf (Saarland) zu den Rednern. Aus Ostdeutschland angereist war der sächsische Landeschef der Neonazipartei „Die Rechte“ und Mitwirkende bei „Pegida“-Ablegern („Thügida“, „Legida“), Alexander Kurth. Kurth nannte unter dem Jubel der rund 60 „Kameraden“ Medienvertreter „Prostituierte dieses Regimes“, deren Brot „das Brot der Lügen“ sei. „Möget ihr an diesem Brot ersticken!“ Bundeskanzlerin Merkel nannte er eine „vollkommene Irre“, Vize-Kanzler Gabriel einen „verhinderten Sonderschüler“.

Die „Volksverräter“ in der Politik gehörten eingesperrt „oder in eine Nervenheilanstalt“. Von Revolutionsphantasien beseelt und vom Applaus angespornt diffamierte Kurth in einer zweiten Rede kurz vor dem Ende des Aufmarsches die Mitglieder des Bundestages als „politische Inzucht in dieser Laberbude“. Sollte der „Volkszorn“ dereinst an die Tür des Bundeskanzleramtes klopfen, dann gebe es nur eines: „Knüppel aus dem Sack, aufs Lumpenpack!“

Während Hooligans und Rechtsextremisten aus dem Großraum Aachen am Sonntag in der Unterzahl blieben und nahezu alle wichtigen Kader der hiesigen braunen Szene fehlten, waren viele der Teilnehmer aus Sachsen, Norddeutschland und Teilen NRWs angereist. Im Vorfeld des Aufmarsches hatten Unbekannte teils die auf Straßen gesprühten Losungen „Linnich ist bunt“ übersprüht und daraus „Linnich ist schwul“ gemacht. Zugleich fielen am Sonntag ältere Männer auf, die den Spruch mit Kreide abänderten oder ergänzten, indem sie schrieben „Lieber frei statt bunt“. Offenkundig ein Protest gegen die „bunte“ Demokratie, die in diesem politischen Spektrum kruderweise als „unfreie“ Welt angesehen wird.

Bunter Protest in Linnich. Foto: Michael Klarmann

Gegenüber November 2015 schwächelten auch die Gegendemonstranten. Statt der mehr als 1.000 Menschen seinerzeit hatten sich auf dem Kirchplatz zeitweise nur knapp über 200 Menschen unter dem Motto „Wir sind Linnich! Nazis sind es nicht!“ versammelt. Unter den Menschen waren Vertreter von Kirchen, Lokalpolitik und sozialen Initiativen, aber auch Teilnehmer einer kleinen Antifa-Demonstration von Sonntagmorgen.

Bürgermeisterin Marion Schunck-Zenker zeigte sich kurz vor dem Ende dieser Kundgebung gegenüber der „Partnerschaft für Demokratie Aachen“ erfreut darüber, dass es den Rechtsextremisten nicht gelungen war, so viele Normalbürger wie im November anzusprechen. (mik)